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Gastrosoph mit vollem Maul

Da wir ja gerade beim Thema sind, ich glaube, ich bin auf einen Gastrosophen gestoßen. Es ist Herr Fichtner, der in seiner Online-Kolumne “das Maul zu voll genommen” hat. Seine Devise lautet “weniger ist mehr” und dies gelte insbesondere für kulinarische Genüsse. Er kommt zu dem Schluß, daß wir alle “besser” essen müssen, wenn wir weniger essen wollen.

Es ist richtig, wenn Herr Fichtner anmerkt, daß wir “beim Essen eine Befriedigung suchen, bei der die Sättigung nur ein Faktor ist, und vermutlich nicht einmal der entscheidende“. Vollkommen richtig, schließlich suchen die Menschen beim Essen oftmals auch einen außergewöhnlichen Genuß und streben nicht nur nach einem adäquaten Ausgleich verlorener Energiereserven.

Es gibt Menschen, die sich das “bessere” Essen leisten können und beim Verzehr von zwölf frischen Austern in ekstatische Verzückung gelangen. Diese schaffen es dann auch noch, trotz einer nicht ausreichenden Zufuhr an Kalorien, so richtig “satt” zu werden. Erfüllt von einem Hochgefühl, einem besonderen Genuß, den sie persönlich schätzen.

Aber, wer sagt, daß man nur das “bessere” Essen wahrhaft genießen kann? Haben Sie noch niemals Menschen gesehen, die beim Aufsteigen von holzig-würziger Luft bereits schon eine angenehme, innere Unruhe verspüren, alleine nur in der Erwartung, bald schon eine richtig gute Portion frisch vom Grill verspeisen zu dürfen? Ein paar grobe Bratwürstchen, einige fette Scheiben Bauchspeck, vier fette Nackensteaks, zum Alibi ein Gemüse-Grill-Spießchen und lässig in der Hand ein kühles Bier. Und gleich nochmal eins danach. Ist das nicht schön? Haben Sie noch nie Menschen dabei ertappt, die nach einem anstrengenden Tag manchmal gar nicht mehr darauf warten können, sich endlich mal wieder so ein richtig fett-triefendes Ensemble an Fast-Food-Produkten gierig und gedankenlos reinzuschieben? Noch keine Leute gesehen, die beim Duft von frischem Kaffee so derart in Wallung geraten, daß drei breite Stücke Schwarzwälder-Kirsch und ein trockener Streuselkuchen hinterher gar kein Problem darstellen? Denken Sie, all diese Menschen quälen sich wirklich dabei? Denken Sie tatsächlich, diese Leute verspüren keinen wahren Genuß dabei?

Oh ja, es geht beim Essen um viel mehr als um ein Druckgefühl in der Magengegend oder die obligatorische Sättigung. Es geht in der Tat um unseren höchsteigenen, persönlichen Genuß. Manche schaffen das mit einem perfekt blanchierten Karöttchen, die anderen erleben ihre Erfüllung in einer richtig guten Portion, ganz “locker von der Gabel”. Ganz viel, ganz fett, ganz feist.

Komischerweise gesteht Herr Fichtner den Menschen, die sich von qualitativ niedrigwertigeren Speisen ernähren wenigstens zu, daß sie durch ein deutliches “mehr” davon auch einen ähnlichen Grad an “Sattheit” oder den gleichen Genuß erreichen können. Nur müssen sie eben viel mehr essen als der Herr an der Austernbar, um endlich den vollkommenen Genuß zu verspüren. Ist das ein versteckter Appell an die “Schlechtesser” noch mehr reinzuschaufeln, damit der Artikel dann auch wirklich wahr wird?

Nicht alle wollen weniger essen und daher müssen wir glücklicherweise auch nicht alle “besser” essen. Für die Freunde der Gabel ist der Weg bereits das Ziel. Der Genuß beginnt schon mit der ersten Gabel und hört vielleicht nach der zwölften noch lange nicht auf. Es ist ein dauerhafter, ein anhaltender Genuß, dem man sich hingibt und der bereits mit dem ersten Bissen beginnt. Gibt es nichts schöneres als sich, nach einem schmackhaften Kartoffelsüppchen, durch so ein kleines 500g-Steak und einen ganzen Berg von Beilagen durchzunagen? Gibt es etwas traumhafteres als ein bombastisches Tiramisu, kredenzt mit einem würzigen dunkelschwarzen Espresso? Vielleicht noch ein paar Bällchen Vanille-Eis mit alpin-weiser Schlagsahne und frischen, roten Erdbeeren? Und zur Abrundung des gelungenen Abends vielleicht auch noch einen wunderbaren Williams-Christ? Vielleicht doch noch einen kleinen Punsch-Krapfen und eine Tasse starken Kaffee danach? Kein Problem…

Ich frage mich wirklich, wieso manche Leute denken, “wahrer Genuß” funktioniert nur mit atomistischen Portionen à la nouvelle cuisine? Hängt es mit dem weit verbreiteten Schlankheits- und Gesundheitswahn zusammen? Oder mit der inzwischen bei vielen Menschen verlernten Fähigkeit, ein Essen überhaupt noch richtig genießen zu können?

Ich gestehe allen ihr blachiertes Karöttchen an einer hauchdünnen Scheibe vom Kobe-Rind zu und freue mich, wenn sie das wirklich genießen können. Denn darum geht es doch wirklich. Dann bitte ich aber auch darum, daß man mich gewähren läßt, während ich mir “locker was auf die Gabel” schiebe und das Leben in vollen Bissen genieße. Denn, bevor Sie meckern, nehmen Sie doch erst mal was “locker auf die Gabel”!

 
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Geschrieben von - Mittwoch, 13. August 2008 in "Locker auf die Gabel"

 

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Die Lehre von den Freuden der Tafel

Haben Sie schon einmal etwas über die Lehre von der Weisheit des Essens, der Gastrosophie gehört? Diese Begrifflichkeit geht zurück auf Baron Eugen von Vaerst, der im Jahre 1851 das Buch “Gastrosophie oder die Lehre von den Freuden der Tafel” veröffentlicht hat.

Neben dem Gastrosophen gibt es noch zwei weitere Arten von Feinschmeckern, die Baron Eugen von Vaerst näher beschreibt, nämlich den Gourmet und den Gourmand. Diese beiden sind den meisten wohl schon bekannt. Der Gourmet vermutlicherweise noch etwas mehr als der Gourmand. Wohingegen der Gourmet als sachkundiger Kenner raffinierter Speisen und Getränke gilt, wird dem Gourmand gerne mangelnde Sachkenntnis unterstellt und man bezeichnet ihn oft auch sehr unschmeichelhaft als “Leckermaul” oder “Vielfraß”. Meist wird verkannt, daß auch der Gourmand ausschließlich seine Freude an qualitativ hochwertigen Speisen hat. Bei ihm darf es dabei aber trotzdem ein bißchen mehr auf der Gabel sein. Der Gourmand mag es eben gerne “gut und reichlich”.

Der Gastrosoph, die dritte Art des Feinschmeckers, erhebt den Genuß von Speisen zu einer eigenen Kunstform und wählt, unter Berücksichtigung der Gesundheit und der “Sittlichkeit”, nur das Beste aus.

Was lerne ich daraus? Es ist völlig klar, daß es von den Dreien der Gastrosoph am schwersten hat. Alleine die profunde Sachkenntnis zu den konsumierten Speisen und Getränken ist nicht ausreichend. Schließlich muß er zusätzlich auch noch gesundheitliche Aspekte und sittliche Kategorien in seine Bewertungen mitenfließen lassen. Das macht es mit dem eigenen, höchstpersönlichen Genuß dann schon bedeutend schwerer. Dauernd muß sich der Arme Gedanken machen, ob das, was er da gerade auf der Gabel balanciert gesund, sittlich genug und auch qualitativ hochwertig ist.

Der Gourmet bescheidet sich hinsichtlich der gesundheitlichen und sittlichen Aspekte und stellt die Qualität sowie eine geringere, angemessene Quantität in den Vordergrund. Bei den heutigen Schicki-Micki-Gourmets bewegt sich die mitgebrachte Sachkenntnis dabei jedoch meist auf einem unglaublich niedrigen Niveau. Man ißt eben, was “in” und teuer ist. Alleine dadurch gehört man vermeintlich schon zur besseren Gesellschaft. Im Vergleich zum Gastrosophen kann der Gourmet zwar schon etwas lockerer mit der Gabel umgehen, aber so richtig frei ist auch er nicht wirklich.

Ob gesund oder sittlich, dem Gourmand ist es egal. Der Gourmand erschrickt auch nicht, wenn sich das Gäbelchen mal ein bißchen durchbiegt, nur wirklich gut muß es sein. Zudem muß er sich auch nicht andauernd mit einer bei ‘wahren’ Gourmets leider weit verbreiteten Scheinkenntnis herumplagen. Es kommt eben nur das auf die Gabel, was mundet. Was nicht schmeckt oder den persönlichen, qualitativen Ansprüchen nicht genügt, wird nicht gegessen. Wenn es schmeckt, läßt es der Gourmand dann aber so richtig laufen und läßt es sich gut gehen. Da darf’s dann schon mal eine Portion mehr sein.

Ich lerne daraus, daß die Reklamationshäufigkeit vom Gastrsophen, über den Gourmet bis hin zum Gourmand abnehmen und die Genußfähigkeit dabei aber ganz drastisch zunehmen muß. Alleine schon der geringeren Anforderungen wegen, denen man sich als Gourmand beim Genuß selbst unterwerfen muß. Das oberste Kriterium ist der eigene Geschmack, nichts anderes. So gesehen bin ich gerne ein Gourmand. In diesem Sinne, packen Sie sich vor dem Meckern erst mal “locker was auf die Gabel”!

 
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Geschrieben von - Dienstag, 12. August 2008 in "Locker auf die Gabel"

 

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